Bock tot?

Die »richtige« Jagdzeit

Noch ein paar Wochen,und ich werde noch vor Sonnenaufgang in aller Frühe in einem Baumhaus sitzen. Die Rehe haben dann überall in Deutschland wieder Jagdzeit. Die Hessen jagen sogar schon seit gestern, auch einige andere Bundesländer beenden die Schonzeit bereits am 16. April. Ich lebe seit einer Weile in Bayern, hier haben die Tiere bis zum 1. 5. ihre Ruhe.

In den letzten Jahren wurden diese Termine regional verschoben – meistens nach vorne. Veränderungen sorgen jedes Mal für Diskussionen unter den Jägerinnen und Jägern. Einige geloben Zurückhaltung und wollen sich weiter an den »richtigen« Stichtag halten, andere können den früheren »Aufgang« der Bockjagd kaum erwarten. Zwei Wochen hin- oder her scheinen dann wahlweise den Untergang der heimischen Forstwirtschaft oder des (jagdlichen) Abendlandes zu bedeuten.

Mutterschutz und Elternzeit?

Mich wundert bei diesen Debatten immer ein bisschen, dass die Frühjahrsjagd auf Rehe so gut wie nie grundsätzlich in Frage gestellt wird. Immerhin sind Frühjahr und Frühsommer sind eine äußerst sensible Zeit: Fast alle Tiere bekommen zwischen März und Juli ihren Nachwuchs. Junghasen an den Feldrändern, Rehkitze in den Wiesen, Vogelnester in den Büschen und Baumkronen… Nicht zuletzt die Jagdverbände mahnen deshalb zurecht, dass man sich in dieser Zeit in Wald und Feld besonders rücksichtsvoll verhalten sollte: Hunde anleinen, Katzen zu Hause lassen, und bitte auch als Mensch auf den Wegen bleiben!
Wenn wir Jäger dann aber schon vor Sonnenaufgang zu Hochsitzen schleichen oder noch in der spätesten Dämmerung Rehböcke aus dem Wald schaffen, wirkt das kontraproduktiv. Dazu kommen die nicht unerheblichen Störungen bei der Vorbereitung auf die Jagzeit: Hochsitze bauen, aufstellen und reparieren, Pirschwege harken oder sogar mit dem Laubbläser anlegen, überhängende Äste aus Schussschneisen sägen, Wildkameras in jedem Winkel installieren… Kein Zweifel, dass diese Unruhe für alle Tiere im Revier spürbar werden muss. Ist es denn unbedingt notwendig im Frühjahr zu jagen?

Ich mache mich mal unbeliebt: Eher nicht. Die Mai- bzw. Apriljagd bringt Erlebnisse für uns Jägerinnen und Jäger und liefert Wildfleisch. Kalte, klare Sonnenaufgänge auf dem Hochsitz, singende Vögel und blühende Wiesen machen einfach Freude, endlich ist der Winter vorbei! Auch die Erfolgsaussichten sind gut: Die Rehböcke sind zu keiner Zeit so viel unterwegs wie in diesen Wochen, in denen sie ihr Territorium für den Sommer abstecken und ihre Ansprüche gegen Rivalen verteidigen. Sie sind im Frühjahr so leicht zu erlegen, wie zu keiner anderen Jahreszeit. Für die Bestandskontrolle ist die Frühjahrsjagd beim Rehwild trotzdem weniger wichtig.

Was wäre ohne Mai-Jagd?

Wildbestände zu reduzieren ist die wichtigste Aufgabe und die entscheidende Begründung für die Jagd in der Kulturlandschaft. Auch Rehe können in ihrem Lebensraum „Wildschäden“ anrichten und großen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung von Wäldern nehmen. Sie auch deshalb zu bejagen halte ich für richtig – aber muss es im Frühjahr sein?

Frühjahrsjagd hilft beim Thema Wildschäden kaum weiter. Ältere »Ricken«, die Weibchen, gebären und versorgen ab Mai ihre Jungen, sie dürfen nicht geschossen werden. Neben den Männchen, den Böcken, haben deshalb nur die einjährigen Weibchen Jagdzeit, weil sie noch keinen Nachwuchs haben. Hin und wieder landet tatsächlich ein solches „Schmalreh“ in der Kühlzelle, aber ganz überwiegend werden im Mai männliche Rehe erlegt – nicht umsonst spricht man unter Jägern spätestens ab März aufgeregt von der „Bockjagd“. Schmalrehe gelten eher als gerne gesehener Beifang.
Falls eine Reduktion des Bestands das Ziel ist, liegt die Aufmerksamkeit allerdings auf dem Abschuss der Ricken und weiblichen Kitze. Jedes Weibchen kann Jahr für Jahr 1-3 Kitze setzen. Wird eines erlegt, fällt seine gesamte zukünftige Reproduktion aus. Ein Bock hingegen kann mehrere Weibchen „beschlagen“. Wird ein Bock geschossen, wird einer seiner Kollegen in der Paarungszeit seinen Platz einnehmen. Es sind die Ricken, die über die zukünftige Population entscheiden. Ohne die Jagd im Frühjahr würden vermutlich insgesamt weniger Rehböcke auf der Strecke liegen – der Rehbestand insgesamt müsste deshalb aber nicht steigen.

Frisches Wildfleisch

Wenn ich hier gegen die frühe Jagdzeit schreibe, schneide ich mir gleich doppelt ins eigene Fleisch: Zum einen, weil ich mich selbst auf die Stunden im Wald freue. Zum anderen, weil der Gefrierschrank langsam gefährlich viele leere Fächer aufweist. Tatsächlich werde ich trotz guter Argumente wohl in vier Wochen auf meinen Hochsitz klettern: Ich bin es so gewohnt, die gesetzlichen Jagdzeiten gestatten es, ich habe so geplant und mich darauf verlassen. Die Beute aus dem Herbst bald aufgebraucht. Der große Vorteil des frühen Jagdbeginns ist für mich, dass ich zur Haupt-Grill-Zeit meinen Wildfleisch-Vorrat auffüllen kann.
Hinterfragen kann und sollte man die flächendeckende Mai-, oder Apriljagd langfristig wohl dennoch. Sicherlich gibt es Ausnahmefälle, in denen eine frühe Jagdzeit sinnvoll oder unvermeidbar ist, etwa unmittelbar an Aufforstungsflächen oder im Umfeld stark befahrener Straßen, aber ansonsten spricht außer Gewohnheit und Tradition wenig dagegen, erst später im Jahr mit der Jägerei zu beginnen. Leicht würde eine solche Umstellung den wenigsten Jägerinnen und Jägern fallen – Länder wie Schweden und Frankreich machen aber vor, dass es auch anders geht.