Ökologischer Vorrang?

Wildfleisch für alle?

Lange habe ich kein Fleisch gegessen. Wenn jetzt welches auf dem Teller liegt, finde ich es gut, wenn das Tier vorher ein Maximum an Freiheit und Selbstbestimmung genießen konnte. Wenn Fleisch, dann Wild. Eine einfache Formel. Wenn ich über diese Einstellung spreche, bekomme ich als Antwort nicht selten zu hören, dass das sicherlich eine schöne Idee wäre – aber nicht für alle möglich. Auch als ich dieses Filmchen auf TikTok gepostet habe, war das einer der ersten Kommentare.

Der Mensch lebt nicht vom Wild allein…

Die Rechnung ist auf der einen Seite richtig. Durchschnittlich konsumiert jede und jeder der gut 80 Millionen Menschen in Deutschland knapp 60 kg Fleisch, etwas mehr als ein Kilo pro Woche. Im letzten Jahr wurden laut der Berechnung des Deutschen Jagdverbands knapp 29.000 Tonnen Wildfleisch erlegt, umgerechnet auf die Bevölkerung sind das etwa 360 Gramm Fleisch pro Person. Zieht man die Menschen ab, die grundsätzlich kein Fleisch essen, bleiben vielleicht 400 Gramm Fleisch pro Person und Jahr, das wären zwei kleinere Portionen. Eine Scheibe Weihnachtsbraten und einmal Grillen zu Ostern, alternativ ein Geburtstagssteak. Ein Bruchteil, ein Tropfen auf den heißen Stein. Tatsächlich reichen diese 29.000 Tonnen Wild rein rechnerisch sogar nur gerade eben aus, um die 400.000 Jägerinnen und Jäger in Deutschland mit den 60 kg Fleisch im Jahr zu versorgen, die ihnen scheinbar ganz selbstverständlich zustehen.

Ein Ausflug in die Kulturlandschaft

Angesichts des Angriffs auf die Ukraine und der Klimakrise werden allerdings gerade einige Selbstverständlichkeiten über den Haufen geworfen: Dinge, wie das eine Öl, das man in den Salat schüttet, Dünger und das andere Öl, das man in den Tank kippt, sind eventuell doch nicht unbegrenzt verfügbar. Eine Reaktion auf diese überraschende Erkenntnis ist, sofort die Zugeständnisse, die wir an die pflanzlichen und tierischen Bewohner unserer Kulturlandschaft machen, über Bord zu werfen.

Größere landwirtschaftliche Betriebe wurden im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU verpflichtet, fünf (5!) Prozent ihrer Fläche als »ökologische Vorrangflächen (ÖVF)« auszuweisen. Statt Bewirtschaftung steht dort der Erhalt der Artenvielfalt im Vordergrund. Diese Regelung wird dieses Jahr teilweise ausgesetzt um mehr Tierfutter ernten zu können. Das ist bereits entschieden, die Debatte läuft allerdings weiter. Es gibt darüber hinausgehende Forderungen, die Vorrangflächen uneingeschränkt »freizugeben«, damit ihr »volles Potential« genutzt werden kann. Für diesen Sommer ist es vermutlich ohnehin längst zu spät, aber der Gedanke zählt: Alles besser als unfreie, blockierte, verschenkte Äcker. Ansprüche an Biodiversität und Lebensraum müssen angesichts des Ernsts der Lage auf 100 Prozent der Fläche zurückstecken.

Über den Winter und auch jetzt im frühen Frühjahr sieht man besonders deutlich, wie drastisch wir Menschen die Landschaft bearbeiten. Überall braune, leere Felder, manche grün gesprenkelt durch kleine Rapspflanzen und ein paar Blätter Wintergetreide. In ein paar Wochen blüht der Raps gelb, das ist hübsch anzusehen, und wenn das Getreide hochwächst, wirken die Felder wie grüne Wiesen. Das täuscht dann ein bisschen, aber noch ist klar zu erkennen, wofür die »ökologischen Vorrangflächen« gebraucht werden – und warum man sie nicht aufgeben sollte. Auch aus jagdlicher Perspektive ist der Nutzen für den Lebensraum offensichtlich. Ich selbst jage beinahe ausschließlich im Wald und kenne mich in der Feldflur nicht so schrecklich gut aus, aber wo die Hasen und Rehe liegen, und falls es noch welche gibt auch die Rebhühner, das weiß sogar ich… Es überrascht und enttäuscht mich deshalb, dass die Jagdverbände sich nicht zu der Debatte äußern. Geht es darum, die rechtlichen Möglichkeiten für die »Entnahme« von Hauskatzen einzuschränken, ist die Aufregung groß: »Aber das Niederwild!«. Bei den ÖVF geht es um grundlegende Fragen des Umgangs mit den Lebensräumen eben jenes Niederwilds, und es herrscht Schweigen im Walde?

Das Fleisch reicht nicht!

Das war ein weiter Bogen durch Kulturlandschaft und Politik, zurück zum Fleischbedarf: Diesen nur mit Wild zu decken geht also nicht, weil dann nicht die geforderten 60 Kilo Fleisch pro Person und Jahr auf den Tellern liegen. Es braucht Tierhaltung, Mast und importierte Futtermittel, und wenn es eng wird, müssen wenigstens die Vorrangflächen geopfert werden.
Zur Veranschaulichung: 60 Kilo Fleisch entsprechen zwei bis drei größeren Wildschweinen oder etwa acht ausgewachsenen Rehen. Diese Menge Fleisch im Jahr zu verzehren, ist kein Grundrecht und im weltweiten Vergleich ziemlich ungewöhnlich. Trotzdem scheint dieser »Bedarf« eine Selbstverständlichkeit zu sein.

Wenn man Wild erlegt und isst, ist es ein interessanter Nebeneffekt, dass Fleisch eben nicht selbstverständlich verfügbar ist. Weil ich letzten Herbst aufgrund anderer Verpflichtungen jagdlich nicht besonders fleißig war, geht mein eingefrorener Vorrat gerade zur Neige. Rehe und die meisten anderen Arten haben jetzt im April keine Jagdzeit, Wildschweine sind in meinem Jagdgebiet nicht so häufig. Ich esse deshalb nur wenig Fleisch, von einem Kilo Woche bin ich weit entfernt.

Das Wild »reicht nicht«. Na und?

Wenn Wild für den Bedarf nicht reicht, ist es eine Option, an der anderen Seite, also am Verbrauch zu drehen. Man kann an der Gewissheit rütteln, dass ein Leben erst menschenwürdig ist, wenn man sich Woche für Woche ein gutes Kilo Fleisch zuführt. Ich habe lange genug ganz ohne Fleisch gelebt, um zu wissen, dass sogar dieser Schritt möglich wäre – aber darum soll es hier nicht gehen. Auch zwei Fleischmahlzeiten im Jahr wären für die meisten eine ausgesprochen radikale Umstellung. Es geht mir an dieser Stelle aber nicht um Rechenspiele und Menüplanung, sondern um den Grundgedanken: Schon die Frage, ob das Wild für alle reicht, ist falsch.

Den aktuellen Fleischbedarf als gegebene Konstante anzunehmen, ist falsch. Die Frage, was verändert werden muss, um genug Futtermittel herzustellen, ist falsch. Ich habe es satt, so zu tun, als ob es dauerhaft ohne den geringsten Verzicht weitergehen könnte. Artenschwund und Klimawandel sind sich stetig verschärfende Probleme. Auf einen technischen Umschwung zu warten, wird nicht reichen. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten übertrieben, der letzte IPCC-Bericht war da recht deutlich. Den »Lebensstandart« anzutasten kann kein Tabu sein, wenn es an allen Ecken und Enden knirscht. Wir essen zu viel Fleisch, wir verbrauchen zu viel Fläche – auch und gerade für Futtermittel. Das sind Binsenweisheiten, fast zu banal, um sie noch aufzuschreiben.

Es braucht mehr als Kosmetik und mehr als ein bisschen »Beschäftigungsmaterial« in diesem Schweinestall. Wir müssen ausmisten, oder – positiver formuliert – lernen, bescheidener zu denken. Wenn ich nur Wild esse, ist es falsch zu behaupten, dass das nicht für alle möglich wäre. Die Frage müsste eher lauten: »Nur freilebende Tiere essen klingt super! Wie viel bleibt für jede und jeden, wenn das alle machen möchten?«.
Auch wenn wir nicht auf Tierhaltung verzichten möchten, lautet die richtige Frage: Wieviel Fleisch können wir erzeugen, einigermaßen tiergerecht, ohne katastrophale Folgen für die Umwelt, ohne am Ende in Gülle zu ersticken und ohne bedenkliche Getreideimporte und Sojaschrot, mit gutem Gewissen? Diese Menge kann dann umgerechnet und verteilt werden. Und sie kann schwanken, oder angepasst werden. Wenn ein Krieg, pandemiebedingte Probleme in der Lieferkette oder eine sich zuspitzende Klimakrise es erfordern, muss man darauf reagieren. Fleisch, Wild und Fleischverzicht sind Facetten einer komplexen Thematik, aber gute Beispiele. Wir können Probleme erkennen und lösen. Aber nicht, indem wir auf unserem »Bedarf« beharren und auch die letzen Prozente »ökologische Vorrangfläche« für ihn ausquetschen.

Fußnote

Dieses Geschreibsel lässt sich leicht beiseite wischen, das ist mir bewusst: Ein Wildfleischfetischist spricht über seine wunderliche Meinung und seine obskuren Beobachtungen, garniert mit ein paar angelesenem Fachbegriffen zu Landwirtschaft und Landwirtschaftspolitik…. Offensichtlich ein Wichtigtuer, der sein Nischenthema irgendwie unterbringen will. Ha!

Unsensibel ist der Kerl außerdem: Es geht in der Ukraine um Menschenleben. Im globalen Süden ebenfalls, wenn die Nahrungsmittel teurer und knapper werden. Vorrang hier, Vorrang da, es gilt zu handeln, nicht zu diskutieren!

Es ist richtig, dass dieser Text schnell geschrieben und ungewohnt emotional ist – aber wer ist im Augenblick nicht ein bisschen dünnhäutig? Es stimmt auch, dass den Menschen in der Ukraine unsere Vorrangflächen vermutlich ziemlich egal sind, weil sie Dinge erleben müssen, die ich mir nicht einmal vorstellen kann.
Dennoch halte ich die Debatte für wichtig und die Forderung nach »Freigaben« für symptomatisch für unseren Umgang mit Naturschutzmaßnahmen. Sie gelten als Zugeständnis, als Luxus, den wir uns hin- und wieder erlauben können, als leicht entbehrliches Sahnehäubchen – das ist unglaublich kurzsichtig.

Es stimmt auf jeden Fall auch, dass es bei diesem Thema Menschen mit erheblich größerem Fachwissen gibt als mich. Ich bin Kommunkationsdesigner, kein Landwirt. Für alle, die sich tiefergehend mit dem Thema beschäftigen möchten, halte ich diesen offenen Brief ausgewiesener Fachleute für lesenswert: Handlungsmöglichkeiten für die Transformation des Ernährungssystems angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Weizen bis zum Horizont – Artenvielfalt in der Kulturlandschaft?