Warum jage ich?

Ich bin Fabian Grimm, 33 Jahre alt und ich bin Jäger. Das war mal anders – viele Jahre war ich überzeugter Vegetarier. Nichts essen was Augen hat, die Tiere einfach mal in Ruhe lassen, Fleisch ist Mord – das ganze Programm. Inzwischen habe ich ein Gewehr, einen Jagdhund und schreibe auf dieser Seite seit sechs Jahren darüber, wie ich Wildschweine, Rehe und anderes Wild erlege, zubereite und schließlich mit großem Genuss aufesse. Ein Widerspruch ist das für mich nicht.

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Der Mensch in der Nahrungskette?

Jäger zu sein bedeutet für mich, mir meine Lebensmittel selbst zu erarbeiten und mich intensiv mit Lebensraum und Lebensrhythmus der Wildtiere zu beschäftigen. Auf der Jagd habe ich das Gefühl, mich als Tier unter Tieren wahrzunehmen. Ich lebe, verhindere damit aber anderes Leben. Ich fresse, könnte aber auch selbst zur Beute werden. In Mitteleuropa ist das zwar ausgesprochen unwahrscheinlich, aber vergehen werde ich früher oder später in jedem Fall. Irgendwelche Würmer und Fliegen freuen sich schon darauf. Ich glaube nicht, dass wir Menschen außerhalb der Welt der anderen Lebewesen stehen, oder sogar über den Tieren und Pflanzen. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, nur weil wir im Augenblick recht erfolgreich darin sind, verschiedene Lebensräume zu besiedeln. Das bedeutet nicht, dass ich als Mensch und wir als Art keine Verantwortung für unsere Umwelt auf sie tragen – im Gegenteil – aber zu wichtig nehmen sollten wir uns wohl auch nicht. Gelegentlich ein paar Stunden bewegungslos im Wald zu sitzen, zu warten und zu beobachten, lässt mir Raum, über solche Dinge nachzudenken.

Spaß an der Jagd?

Ich mag es auch, dass die Jagd mir einen Anlass und Ansporn gibt, mein Jagdgebiet ganz genau im Auge zu behalten. Gehe ich wandern oder spazieren, nehme ich die Landschaft beinahe als Kulisse wahr, als flüchtige Momentaufnahme. Im Revier ist das anders: Immer wieder laufe ich die gleichen Pfade, besuche die gleichen Orte, sitze stundenlang an den gleichen Plätzen. Die strenge Beschränkung durch die Reviergrenzen zwingt mich, mich auf die Fläche zu konzentrieren. Ich suche Spuren, möchte die kleinsten Zeichen entdecken und sie richtig interpretieren. Die subtilen Veränderungen, die jeder verstrichene Tag und jedes neue Jahr mit sich bringen, lassen sich auf diese Art besser wahrnehmen. Der erste Frost, aus Maronen wird Matsch. Ein trockener Sommer, eine zuverlässige Pilzstelle fällt diesen Herbst aus. Die erste Brut der Buntspechte und die ersten Tage der Jagdzeit der Rehe fallen nicht wie gewohnt zusammen – was ist da los?
Ich sehe auch die drastischen, disruptiven Eingriffe des Menschen: die plötzlichen Veränderungen auf den Feldern, die Mahd der Wiesen oder die Holzernte. Manches ist überraschend schnell verwunden, manches verändert das Verhalten der wilden Bewohner unserer Kulturlandschaft so massiv, dass ich meine Jagdstrategie anpassen muss. Ich möchte schließlich Beute machen, das Beobachten ist kein Selbstzweck. Gleichzeitig ist auf der Jagd für mich auch der Weg das Ziel. Ein Tag ist ohne Schuss wertvoll, weil ich beobachte, weil ich neues lerne und weil ich einen Grund habe, Dinge nachzulesen und verstehen zu wollen.

Jagd als »Wildtiermanagement«

Gleichzeitig ist es gerade die Aufgabe der Jagd, aktiv einzugreifen. Es geht nicht um mich, nicht um eine Freizeitbeschäftigung und auch nicht um ein einzelnes Tier, das ich vielleicht erlege. Wir leben in einer menschengemachten Kulturlandschaft. Wir bewirtschaften nicht einzelne Flächen, sondern haben unsere gesamte Umgebung unseren Vorstellungen und Bedürfnissen angepasst. Dass es in Deutschland keinen Urwald gibt, liegt nicht daran, dass der irgendwo nach Afrika oder Südamerika gehört – sondern daran, dass wir den bei uns längst gerodet haben. Rehe und Wildschweine gehören zu den Arten, die stark davon profitieren, wie wir Menschen unsere Umgebung nutzen und gestalten – und sie sind so zahlreich vorhanden, dass sie selbst Einfluss nehmen. »Wildschaden« wird es genannt, wenn die wildlebenden Bewohner dieser Kulturlandschaft Dinge tun, die der Planung des Menschen zuwiderlaufen. Wildschweine graben Wiesen um und machen der Landwirtschaft zu schaffen, wenn sie eigenmächtig Feldfrüchte ernten. Leben in einem Gebiet zu viele Rehe, verändern sie die Baumartenzusammensetzung der nächsten Waldgeneration. Besonders leckere Arten haben bei hohen Rehbestämdem keine Chance aufzuwachsen, das betrifft z.B. Tannen und viele Laubbaumarten. Ein artenreicher Wald wäre allerdings widerstandsfähiger gegenüber klimatischen Veränderungen, reine Fichtenwälder sind schon in den letzten Jahren großflächig abgestorben. Den zukünftigen Wald schützen und erhalten zu wollen, kann ein guter Grund sein, um Rehe zu erlegen.

Ich esse, also jage ich

Gründe für die Jagd gibt es viele, Gegenargumente auch. Für mich persönlich steht die Möglichkeit, Fleisch aus »artgerechter Freilandhaltung« auf dem Teller zu haben, im Vordergrund. Tiere esse ich wieder, sogar ausgesprochen gerne – wenn ich sie selbst getötet und verarbeitet habe. Die oft angesprochene »Verantwortung für die eigene Ernährung« zu übernehmen funktioniert für mich am besten, wenn ich mir die Hände selbst schmutzig mache und mich nicht auf Siegel und Zertifikate verlasse. Gerade bei Fleisch ist es mir wichtig wirklich zu verstehen, wo es herkommt. Das Thema ist so komplex, dass es an dieser Stelle den Rahmen spregen würde, alle Gedanken auszuführen, die ich mir auf dem Weg vom Vegetarier zum Jäger gemacht habe – ich habe sie deshalb in ein Buch gepackt und „Ich esse, also jage ich“ geschrieben.

Vom Lebewesen zum Lebensmittel

Jäger zu sein heisst auch, Beute zu machen. Das klappt nicht immer, und es gibt Leute, die deutlich mehr Ahnung von der Jagd haben als ich. Aber: Auch ein blindes Huhn trinkt mal ’n Korn. Etwa bei jedem fünften Versuch gelingt es mir, ein Tier zu erlegen. Vor mir liegt dann ein totes Lebewesen und eine große Aufgabe: Mache ich beim Ausnehmen, während der Fleischreifung oder beim Zerteilen einen Fehler, beeinträchtigt das die Fleischqualität unter Umständen enorm. Ich versuche das komplette Tier vom Lebewesen zum Lebensmittel zu verarbeiten – aber welches Teilstück ist für welche Zubereitungsmethode geeignet? Warum muss man die Hachse anders zubereiten als das Filet? Wie gelingt es, das optimale Geschmackserlebnis aus jedem Zuschnitt herauszukitzeln? Und wie kann ich auch die unbeliebteren Stücke wie Herz, Hirn oder Hoden sinnvoll verwerten? Was schmeckt dem Hund, was schmeckt mir? Es macht mir Freude, Antworten auf diese Fragen zu suchen und dabei den Weg des Lebensmittels als Einheit zu erleben, statt ein »Produkt« vor mir zu haben.

Warum ein Blog?

Zum einen muss ich sagen, dass ich mit vielem, was ich über die Jagd lese, nicht einverstanden bin. Jägerinnen und Jäger vertreten Einstellungen, die ich nicht stehen lassen möchte. Tierrechtler verbreiten bewusst Fehlinformationen und schaffen Vorurteile. Jagdverbände veröffentlichen ihre Sicht der Dinge, und glätten und beschönigen, bis von der rauen, archaischen Seite der Jagd nichts mehr zu erkennen ist. Ein weites Feld, in dem ich meinen Senf dazugeben möchte.

Außerdem ist Wildfleisch einfach ein fantastisches Lebensmittel. Die Tiere wachsen langsam, mit viel Bewegung, abwechslungsreicher Nahrung und einfach genau so, wie sie selbst es für »artgerecht« halten. Bei Nutztieren ist das in der Regel leider anders, und diesen Unterschied schmeckt man: Jede Wildart hat ihren eigenen, feinen Geschmack der sich mit den Jahreszeiten, dem Lebensalter und der Ernährung des einzelnen Tieres in Nuancen immer wieder verändern kann. Ich beschäftige mich intensiv mit der Zubereitung und Verarbeitung und tausche gerne mit anderen Jägerinnen und Jägern, Freunden und Bekannte Ideen und Rezepte aus. Ich freue mich auf Anregungen und Erfahrungen!

Ein Jäger hat im Wald ein Reh erlegt. Jetzt wird er es verarbeiten.