Die Sache mit der Jagdtrophäe

Schonzeit für Rehböcke

Ich jage in Bayern, hier ist ab heute die Jagdzeit auf Rehböcke zu Ende. Ein Bock, der jetzt noch lebt, hat es geschafft: jetzt ist der versehentliche Abschuss eine Ordnungswidrigkeit und der vorsätzliche sogar eine Straftat. Bis zum nächsten Mai ist nichts zu befürchten. Auch in Bundesländern mit anderen Vorgaben beenden viele Jägerinnen und Jäger die Bockjagd traditionell Mitte Oktober.

Trotzdem muss sich niemand Sorgen machen, der seinen Rehrücken schon als Weihnachtsbraten eingeplant hat: Die fast erwachsenen Kitze und die weiblichen Rehe dürfen noch bis ins neue Jahr hinein erlegt werden. Während die Böcke ihre Ruhe haben, geht es dem weiblichen Wild im Herbst und Winter verstärkt an den Kragen, auch durch die bevorstehenden Drückjagden .

Die Jagdzeit orientiert sich am Gehörn

Dass die Jagdzeit der Böcke so grundverschieden von der der Weibchen ist, liegt daran, dass Rehböcke ein Gehörn tragen. In der Regel ist es Anfang Mai voll entwickelt, ab Oktober wird es wieder abgeworfen. Eine Weile sind die Böcke dann „oben ohne“, und über den Winter werden dann neue Gehörne gebildet. Es ist kein Zufall, dass die Jagdzeit genau der Zeit entspricht, in der Rehböcke »Hörner« haben. Der Kopfschmuck spielt für machen Jägerinnen und Jäger eine wichtige Rolle – so wichtig, dass er eben auch die Jagd- und Schonzeit vorgibt.

Hegeschau oder »Knochenolympiade«?

Ich jage wie gesagt in Bayern. Hier sind Jägerinnen und Jägerinnen sogar verpflichtet, die Schädel aller erlegten Rehböcke zu säubern, abzukochen, zu bleichen und einmal jährlich auf der „Pflichthegeschau“ öffentlich ausstellen zu lassen. Mich stört beides: die unterschiedlichen Jagdzeiten für männliches und weibliches Rehwild, und die Pflicht, die Gehörne zu präparieren.

Meine Meinung möchte ich kurz erläutern. Zunächst: Mir bedeuten die Trophäen wenig. Ich präpariere sie normalerweise nicht und ich möchte sie auch nicht an meine Wände hängen. Manche Gehörnstangen verwende ich zum Basteln, manche verschenke ich. Und manche nutze ich genau so wenig wie andere den Schädel eines weiblichen Rehs.

Trophäen als Erinnerungstück

Mir ist bewusst, dass die Trophäe für einige Jägerinnen und Jäger einen anderen Stellenwert hat. Als Erinnerungsstück soll sie den Jagdtag und damit gewissermaßen auch das erlegte Tier bewahren. Das „Gewicht’l“ über dem Kamin steht stellvertretend für eine Entscheidung, für ein Erlebnis und es soll auch die Einzigartigkeit der Beute festhalten.

Mir erschließt sich das nicht. Ich habe jagdliche Erinnerungen an weibliches Wild, das natürlicherweise nie ein Gehörn hatte. Ich erinnere mich an Wild, das ich beobachtet habe, ohne es anschließend zu erlegen. Ich habe außerhalb der Jagd viele lebendige Erinnerungen, ganz ohne ein greifbares Objekt dazu. Ich bin überzeugt, dass ein Wildtier für mich nicht an Wert verliert, wenn ich keine Trophäe aufbewahre, und es erleichtert mir auch nicht die Entscheidung, ein Leben zu nehmen.

Trotzdem respektiere ich diese Einstellung. Ich möchte niemandem etwas wegnehmen und mache mich hier nicht über Dinge lustig, die anderen vielleicht viel bedeuten. Wer sich Patronenhülsen, gegerbte Decken, Schädelpräparate, Fotos oder ähnliches aufheben möchte, wird von mir sicher nicht daran gehindert werden. Eine einzige solche Jagdtrophäe habe ich auch: den Schädel meines ersten Schmalrehs.

Meine Jagdtrophäe

Dieses Reh war nicht das erste Tier, das ich erlegt habe. Das war damals ein uraltes Damtier gewesen, die Geschichte habe ich in „Ich esse, also jage ich“ aufgeschrieben. Ein Erinnerungsstück habe ich von ihm nicht behalten. Auch drei Rehböcke hatte ich vor diesem Schmalreh bereits erlegt. Ihre Gehörne besitze ich nicht mehr, und ich vermisse sie nicht. Den Schmalrehschädel habe ich aber schon mehrfach bei Umzügen ein- und ausgepackt, und ich habe nicht vor, ihn wegzugeben. Er begleitet mich. Warum?

Das Schmalreh war das erste Tier, bei dem ich von der Erlegung bis zur Verarbeitung alles selbst gemacht habe. Zuvor hatte ich immer bei Bekannten gejagt, war angeleitet oder wenigstes zu einem für mich ausgesuchten Sitz geschickt worden, und ich hatte Hilfe bei einzelnen Schritten, wie dem Aufbrechen oder Zerwirken. Bei diesem Schmalreh war es anders.

Ich hatte damals meinen ersten eigenen, kleinen Pirschbezirk bekommen. Es gab eine kurze Einweisung und eine Karte mit Wegen und eingezeichneten Hochsitzen. Kreuzchen für Kreuzchen bin ich die Karte abgelaufen, hatte mir die Stellen angesehen, störende Äste im Schussfeld entfernt, geeignete Windrichtungen und Anmarschwege notiert und auf den Mai gewartet. Ich hatte nicht gleich am ersten Mai Jagdglück, aber es war aufregend genug, jeden Tag aufs Neue selbst überlegen zu dürfen, wo ein geeigneter Platz für einen Abendansitz sein könnte. Mehrfach hatte ich den Wind falsch eingeschätzt und saß umsonst, aber am vierten Mai stellte sich endlich den erste kleine Erfolg ein: Am Hochsitz angekommen, zogen meine in die beginnende Dämmerung gepusteten Seifenblasen dieses Mal in die erhoffte Richtung. Ein Tier, das auf die Schneise vor mir treten würde, könnte mich immerhin nicht riechen.

Eine halbe Stunde später bewegte sich dann auch tatsächlich etwas in den Büschen. Ein rotbraunes Reh kam zum Vorschein. Wieder etwas richtig gemacht: Ausreichend stillgesessen, scharf genug beobachtet, beim ersten Anzeichen von Bewegung nicht sofort hektisch reagiert – und das alles alleine.

Ebenfalls allein habe ich dann das Reh mit dem Fernglas beobachtet und irgendwann entscheiden, dass ich mir sicher bin, dass es sich um ein Schmalreh handelt. Kein dicker Bauch, wie bei einer Anfang Mai hochträchtigen Ricke, dazu ein kurzes, beinahe rundliches Gesicht, insgesamt eine „schmale“ Statur… Ein einjähriges Weibchen, ganz sicher. Ein Reh, das noch keinen Nachwuchs zu versorgen hat. Das darf man im Mai erlegen. Nach kurzem Zögern entschied ich mich, genau das zu tun. Niemand hat mich beruhigt, als ich angelegt habe. Niemand ein zweites Gewehr ausgerichtet, um einen schlechten Treffer notfalls vielleicht „korrigieren“ zu können. Bumm.

Ich habe das Reh erlegt. Anschließend habe ich zum ersten Mal ohne Hilfe aufgebrochen, also ein Tier ausgenommen. Niemand, der erklärt, wo ich schneiden soll, niemand der Tipps gibt, nicht einmal jemand, der eine Taschenlampe hält, damit ich genug Licht für die „rote Arbeit“ habe. In der Wildkammer gab es auch keine große Aufregung, als ich mein Reh dort hingebracht habe. Haken dran, Wildmarke dran, bisschen Papierkram und ab ins Kühle. Ein paar Tage später habe ich das Reh abgezogen, zerteilt und zugeschnitten – auch das ganz ohne Hilfe.

An sich ist das kein besonders spektakuläre Jagderlebnis. Rausgehen, sitzen, Reh sehen, schießen, versorgen – so läuft das eben. Trotzdem war es für mich ein großer Moment, als dann das erste Steak auf dem Teller lag: Endlich konnte ich mich als „richtiger“ Jäger fühlen. Ich habe allein eine geeignete Stelle und die richtige Zeit ausgewählt, mich alleine für den Schuss entschieden und meine Beute alleine verarbeitet. Das war seit zwei Jahren mein Ziel gewesen. Darum war es mir gegangen, als ich mich für den Jagdkurs angemeldet habe. Damals schien mir das so bedeutsam, dass ich eine physische Erinnerung zurückbehalten wollte. Ich entschied mich, den Schädel des Schmalrehs zu präparieren.

Pflicht zur Erinnerung?

Lange Rede kurzer Sinn: Ich kann den Wunsch nach einem Erinnerungsstück verstehen. Zwar ist dieses Präparat für mich eine bisher einmalige Ausnahme gewesen, aber wenn andere da großzügiger sein möchten – warum nicht? Du wenn sich Leute treffen möchte, und Rehbock-Schädel vergleichen? Klingt vielleicht ein bisschen makaber, aber meinetwegen sollen sie doch. Die Tiere sind tot, es wird sie wohl nicht mehr stören.
Die Jagd an der Beschaffung solcher Erinnerungsstücke auszurichten halte ich aber nicht für sinnvoll, und solche Gedanken möchte ich mir auch nicht aus Rücksichtnahme auf Tradition verbieten. Eine Pflicht Rehböcke zu präparieren und vorzuzeigen, lehne ich ebenfalls entschieden ab. Mich stört diese Vorschrift, ich kann meine Zeit erfüllender verbringen, als Schädelknochen sauberzupuhlen und in Waschmittel zu kochen.

Wildbiologische Aussagekraft der Hegeschau

Ich glaube auch nicht, dass die Hegeschau in wildbiologischer Hinsicht Aussagekraft besitzt: Zum einen bieten die abgelieferten Trophäen keine zufällige Stichprobe der im Revier vorhandenen Rehe. Sie zeigen nur die männliche Seite des Wildbestands, und sie liefern ein durch die jeweiligen Jägerinnen und Jäger verzerrtes Bild. Jagt jemand bevorzugt auf schwache einjährige Böcke, werden sie auch unproportional häufig erlegt werden. Konzentriert jemand sich auf Böcke mit möglichst großem Gehörn, werden eben viele von diesen an der Wand hängen. Was sagt das über das Revier und die vorhandenen Rehe aus?
Zum anderen ist es nicht nur auf der Jagd so, dass Fehler eher verheimlicht als präsentiert werden.  Es ist naiv zu glauben, dass wirklich alle erlegten Böcke gezeigt werden. Es wird selbstverständlich „vorsortiert“. Wer einen besonders kräftigen jungen Bock erlegt, wird ihn zu Pflichtschau wohl lieber zu Hause lassen, weil doch absehbar ist, dass andere sich daran stören und den Bock gerne hätten älter werden lassen.

Alternativen zum Präparat

Aber selbst, wenn man beiden Argumenten nicht folgen möchte und die Pflichtschau und den Vergleich an sich wichtig findet: Zu präparieren ist unnötig. Geht es wirklich darum, die erlegten Böcke zu vergleichen, wäre ein kurzes Handyvideo deutlich präziser und mit erheblich weniger Aufwand zu erstellen. Ein langsamer Schwenk ums Haupt aus nächster Nähe, dann ein paar Schritte zurück und eine Aufnahme des ganzen Wildkörpers, dazu vielleicht noch einige Worte zu eventuellen Besonderheiten – und fertig. Das Filmchen landet mit Angaben zu Revier und Datum auf einem öffentlich zugänglichen Server und wer möchte, sieht es sich an. Als Kompromiss könnte ich mich mit dieser Lösung vielleicht anfreunden.

Wann auf Rehe jagen?

Auch die Ausrichtung der Jagdzeiten am Gehörn lehne ich ab. Es ist aus meiner Sicht sinnvoller, im Herbst und Winter gleichzeitig auf männliches und weibliches Wild zu jagen. Wenn gejagt wird, gilt es Chancen zu nutzen und effizient zu handeln. Ein Rehbock weiß nicht, dass er sich ab dem 16.10. fürs erste entspannen kann. Er fühlt sich durch pirschende Menschen im Halbdunkeln bedroht und er verbraucht seinen Winterspeck, wenn er auf der Drückjagd durch den Wald gescheucht wird. Es spricht nichts dagegen, einen Bock auch im Winter zu erlegen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt. Für den betroffenen Bock selbst ist es im Herbst genauso unangenehm erlegt zu werden wie im Sommer, und Verantwortung für Jungtiere trägt er nie. In den meisten Bundesländern wurde die Jagdzeit für Rehböcke deshalb inzwischen verlängert, auch auf Drückjagden werden die Böcke häufig für die Erlegung freigegeben. Aus meiner Sicht ist das ein sinnvoller Schritt. Trotzdem beginnt die Jagdzeit der Böcke dann immer noch erheblich früher als die des weiblichen Wilds. Mir denke seit Jahren darüber nach, ob man das nicht ebenfalls ändern könnte – und auf die Frühjahrsjagd beim Rehwild ganz verzichtet.

Ohrenbetäubende Stille. „Was für ein hirnrissiger Vorschlag!“. „Was ist mit dem Maibock, mit dem Ansitz im Vogelkonzert eines erwachenden Frühlingstages, mit dem Jägerfrühstück am ersten Mai, mit den ganzen liebgewonnenen Gewohnheiten?“. „Was mit der aufregenden Blattzeit?“. „Was überhaupt mit Rehen in den Feldrevieren, die einen großen Teil „ihres“ Bestands nur in der Vegetationszeit vor Ort haben und mit der Ernte an die umliegenden Waldgebiete verlieren?“

Populär ist dieser Vorschlag sicher nicht, aber die Vorteile liegen auf der Hand: Keine Jagd in der sensiblen Brut- und Setzzeit, keine Störung zur Paarung im Juli und August. Stattdessen eine straffe, konzentrierte Bejagung im Herbst. In anderen Ländern sind solche Jagdzeiten üblich, so lange wie im deutschsprachigen Raum sind sie meistens nicht. Eventuell würde die Jahresstrecke bei den Böcken dann unterm Strich etwas geringer ausfallen – na und? Wildbiologen sind sich einig, dass es für die Bestandsregulierung entscheidend ist, ausreichend weibliches Wild zu „entnehmen“. Das passiert auch jetzt schon ausschließlich im Herbst und Winter. Es kommt schlicht nicht darauf an, im Mai einen Bock mehr oder weniger zu erlegen.  

Ich habe was Jagdgesetze und Jagdzeiten angeht nicht viel zu melden, und darüber werden manche jetzt ein bisschen erleichtert sein. Wenn es aber nach mir ginge, würde die Jagdzeit für Rehböcke heute vielleicht nicht zu Ende gehen. Im Gegenteil, sie würde wahrscheinlich jetzt erst beginnen. Alle Rehe frei ab September oder Oktober, und zum Jahreswechsel dann wieder Ruhe. Und das leidige Thema mit der Pflicht zum aufwändigen Präparieren, das hätte sich bei gehörnlosen Herbstböcken dann auch gleich erledigt…

Die Arbeit an diesem Text wurde gefördert durch das Stipendienprogramm »Neustart Kultur«, vielen Dank an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Verwertungsgesellschaft Wort.